Als Mentaltrainer am Hauer-Hill

Eigentlich sollte man meinen, dass man als zertifizierter Mentaltrainer keine Schwierigkeiten damit hat, am Hauer Hill locker-lässig-entspannt zu bleiben. Aber es ist wie überall im Leben: Der Hausarzt raucht und säuft, der Psychotherapeut stolpert von einer seelischen Krise in die nächste, der Mechaniker fährt wochenlang mit kaputtem Radlager und der Mentaltrainer schmeißt halt beim Bogenschießen die Nerven weg. Wissen, was man tun soll und tun kann und es dann tatsächlich auch immer zu tun sind zwei Paar Schuhe.
Trotzdem war ich im Nachhinein immer wieder erstaunt, wie leicht mich der Hauer-Hill mental aus dem Gleichgewicht bringt. Weshalb ich ihn heute mal ganz bewusst aus diesem Blickwinkel heraus angegangen bin. Aber beginnen wir mal mit dem Hill selbst… 

Der Hauer Hill – Schrecken aller Bogenjäger

Ich habe keine Ahnung wo der Name „Hauer“ für den Hill wirklich herkommt. Aber in der Jägersprache sind die Hauer die furchteinflößenden Eckzähne des Wildschweines. Von einem solchen angegriffen zu werden und eine Runde Bogenschießen am Hauer-Hill verursachen wahrscheinlich so in etwa das gleiche Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit.
Okay – vielleicht ein bisschen übertrieben. Obwohl …
Also üben wir uns in sachlicher Betrachtungsweise: Der Parcours des BSC-Piestingtal in Niederösterreich ist steil, die Schüsse sind größtenteils (sehr) weit, es gibt jede Menge Äste entlang der möglichen Schussschneise, das Schießen mit Bein am Pflock stellt hohe Anforderungen an die Fähigkeit des Schützen in alternativen Körperhaltungen schießen zu können. 
Die Tatsache, dass noch nie jemand vom Hauer Hill heruntergekommen ist und dann gesagt hat: „Hey, das war ja jetzt voll easy-cheesy leicht zu schießen“ sondern eher etwas wie „Alter, so was Extremes hab ich mein Lebtag noch nie geschossen“, macht es nicht unbedingt leichter, dem Parcours unvoreingenommen zu begegnen. Mentaltrainer hin, Mentaltrainer her…
Ein Video mit den Details zum Parcours findet ihr am Ende des Artikels. Aber jetzt zum eigentlichen Thema zurück … 

Der Mentaltrainer und sein Aktivierungsniveau

Man braucht keine Ausbildung als Mentaltrainer um zu wissen, dass körperliche Anstrengung das Aktivierungsniveau in die Höhe treibt und  Auswirkungen auf die Muskelspannung und auch auf die Konzentrationsfähigkeit hat. Man muss nicht einmal sonderlich intelligent sein um schlusszufolgern, dass ein gemächliches Tempo und eine kleine Pause nach Steigungen ausgesprochen hilfreich dabei sind, zumindest rein körperlich auf einem förderlichen Niveau zu bleiben. 
Gut – der unbescholtene Bogenschütze kann sich eventuell darauf herausreden, einfach nicht darauf geachtet zu haben. Aber wenn ich, als jemand der gelernt hat sein Augenmerk auf solche Dinge zu richten und dem das auch auffällt, dann trotzdem keuchend und mit einem Puls von 180 an den Pflock geht… nun ja, da fallen mir jetzt auch keine besseren Ausreden ein als dem kettenrauchenden Hausarzt. Aber das ist noch lange nicht das Schlimmste…

Der enttäuschte Mentaltrainer 

Das Verstehen der Auswirkungen von (enttäuschten) Erwartungen, Selbst- und Fremdansprüchen und Lösungsansätze für einen sinnvollen, konstruktiven Umgang damit, sind ja eigentlich „daily business“. Wenngleich es nie ideal ist, wenn zu viel Augenmerk auf der Punktezahl liegt, gewöhnt man sich als Bogenschütze im Laufe der Zeit natürlich an einen gewissen Standard. In meinem Fall ist das auf meinem Hausparcours, den ich mehrmals die Woche begehe und der moderat gestellt ist, ein Jahresschnitt von 17,5, wobei ich regelmäßig auch auf 18 oder darüber komme. (Also im Schnitt ein Lungentreffer mit dem ersten Pfeil). Auf fremden Parcours kratze ich meist so irgendwo am 17er herum – je nachdem wie sie angelegt sind und meine Tagesverfassung ist. Klar gibt es auch schlechte Tage wo ich mal unter 16 – also im Durchschnitt einen Körpertreffer mit dem ersten Pfeil – liege, aber prinzipiell liegt meine Erwartungsgrenze nach unten hin, auf fremden Parcours eben bei 16.

Aber der Hauer Hill ist halt der Hauer Hill

Natürlich bekomme ich mit welche Ergebnisse andere Schützen am Hill so haben und mir ist klar, dass ein 16er Schnitt dort schon ziemlich endgeil ist und ich den nach vier oder fünf Besuchen dort aller Wahrscheinlichkeit nicht schießen werde. Aber ein bisschen wurmt es mich dann natürlich trotzdem… .
Obwohl ich das Mitschreiben mittlerweile recht locker nebenher laufen lassen kann, sollte ich gerade am Hauer Hill spätestens bei meinem zweiten Besuch genau das tun, was ich aus Mentaltrainer-Sicht auch jedem anderen raten würde: Eine Trainingsrunde anstatt einer Wertungsrunde gehen. Mir dabei bei den schwierigen Schüssen viel Zeit lassen, sie analysieren, ruhig üben, gegebenenfalls zwischendurch einfach runterfahren, die bestmögliche Basis schaffen, auf der mein intuitiver Schuss in Zukunft ablaufen kann. 
Aber wie viele solche Trainingsrunden bin ich seither gegangen, denkt ihr? 
Eben, weil auch der Mechaniker sein Radlager wochenlang nicht repariert. 

Saugut

Jetzt mit neuen Empfehlungen.

Noch mehr Enttäuschungen warten…

Das Ergebnis ist aber beileibe nicht die einzige Enttäuschung, mit der ich am Hauer zurechtkommen muss. Immerhin hat man ja auch als Mentaltrainer gewisse Erwartungen wie Ziele und Pflöcke gestellt sein sollen. Klar gibt es auf Parcours hier und dort mal ein Ziel das ein bisschen schwieriger „zu stehen“ und „zu sehen“ ist. Oder wo halt ein oder zwei Bäume entlang der Schussbahn stehen.  Oder meinetwegen auch ein paar Äste – zu den sch… Ästen kommen wir gleich noch 😉 – in die Flugbahn hängen.
Will man aber am Hauer Hill mit Bein am Pflock schießen – was mir mein Ehrgefühl gebietet – ist die Beschreibung „ein bisschen schwieriger“ jene, die sich auf die leichten Schüsse dieses Parcours anwenden lässt.
Als Mentaltrainer im Entwickeln konstruktiver Gedanken geschult, wären einige richtige Ansätze jetzt:

„Klasse, endlich mal eine Abwechslung!“
„Ideal zum Üben alternativer Körperhaltungen, das bringt wieder mal frischen Schwung!“
„Endlich kann ich herausfinden, worauf ich am besten fokussiere, wenn ich vom Ziel nur noch die Ohren sehe.“
„So viele verschiedene, tolle Weitschüsse kann man sonst eigentlich nirgends üben.“
„Die Äste sind toll. Da *räusper*“

Der Gedanke auf den der Mentaltrainer  seiner Erfahrung und Ausbildung zum Trotz dann aber doch immer wieder hängen bleibt: „Alter, ihr habt sie doch nicht mehr alle. Wie kann man einen Parcours nur so stellen.“

Der Mentaltrainer und seine Äste

Was mich überrascht hat, war, dass ich anscheinend ein Problem mit kleinen Ästen habe. Überrascht deshalb, weil mich Durchschüsse gemeinhin relativ kaltlassen. Gebt mir zwei Bäume und eine Handbreit Spalt dazwischen und ich schieße euch da ganz locker durch – und wenn nicht ärgert’s mich nicht. Am Hauer Hill und einige Zeit später auch am Move-your-mind Parcours in Puchberg – dort wahrscheinlich eher deshalb, weil ich gerade auf das Thema getriggert war – durfte ich erkennen, dass Äste in der Lage sind mich zu provozieren…

Die Sache hat so begonnen, dass es am Hauer Hill zwei oder drei Schüsse gibt, bei denen bei ohnehin schon weit entfernten Zielen auch noch ebenfalls weit entfernte Äste im Weg sind – bzw. sein können. Und zwar nicht nur einer, sondern mehrere kleine. Was mich getriggert hat war, dass ich zwar mitbekommen hatte, dass mein Pfeil einen Ast streifte, ich aber nicht mehr wahrnehmen konnte welchen. Ebenso wenig wie ich – da der Pfeil ja abgelenkt wurde – beurteilen konnte, ob die Höhe prinzipiell gepasst hätte.
Nach demselben Prinzip hatte ich Probleme bei Zielen, die durch einige enge Reihen dünnerer Bäume bzw. Sträucher zu  schießen waren. Ich konnte nicht erkennen, wo und warum der Pfeil genau anschlug.
Ich mache natürlich Witze darüber und beschwere mich im Spaß bei den Parcoursbetreibern über die Äste, aber die Sache hat mich tatsächlich sehr intensiv beschäftigt. Weniger die Äste an sich, sondern das ich ad-hoc einfach keinen Lösungsansatz dafür wusste und es mich wider besseres Wissens derart triggern konnte. Mittlerweile habe ich einen Lösungsansatz gefunden und finde wieder mehr Gefallen an Ästen. (Nein, es ist nicht die Heckenschere)

Mentaltraining liegt dir nicht
*

Was der Mentaltrainer sonst noch so alles nicht tut…

… ist am Hauer-Hill eine lange Geschichte.
Aber heute bin ich ihn zumindest unter der Prämisse gegangen, ihn unter Beachtung obiger Mentaltrainer-Gesichtspunkte zu begehen. Mitgeschrieben habe ich natürlich trotzdem. Ganz so viel Zeit gelassen wie sinnvoll gewesen wäre, habe ich mir auch nicht. Mich am Training alternativer Körperhaltungen erfreut habe ich mich auch etwas weniger als ich gekonnt hätte. Geärgert habe ich mich auch ein bisschen – über die Äste. Aber in Summe war es nicht nur meine bisher beste Runde vom Ergebnis her, sondern auch meine mental-emotional ausgeglichenste.

Bogenschießen ist Kopfsache: Der Hauer Hill mag steil, weit und gemein sein. Aber wenn es im Kopf passt, ist er eigentlich gar nicht so schlimm.

In diesem Sinne: Alle ins Gold alle ins Blatt. Unten findet ihr noch ein Video vom Hauer-Hill sowie den Link zum BSC Piestingtal. 

Nachdem ich jetzt so toll Anti-Werbung für meine Mentaltrainer-Fähigkeiten gemacht habe, kauft ihr gerne auch mein Buch zum Thema. 🙂

Hier gehts zum Hauer Hill: http://www.bsc-piestingtal.at/
Hier nach Puchberg zum mind moven: https://www.moveyourmind.at/

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