Äste vor dem Ziel: Sportlich fair? Vor- und Nachteile. Trainings-technische Überlegungen

Immer wieder gibt es Parcours, wo Äste den Weg des Pfeils ins Ziel behindern können. Gemeint ist hier NICHT, wenn Äste oder Bäume vielleicht mal ein paar Zentimeter vom Ziel rechts, links, oben oder unten wegnehmen. Vielmehr geht es darum, wenn tatsächlich durch sehr enges Astwerk hindurchgeschossen werden muss oder wenn einzelne Stämmchen vor dem Ziel so stehen, dass nur ein sehr knapper Schuss daran vorbei einen Herztreffer ermöglicht.
Wer diesen Blog hier regelmäßig liest, weiß, dass ich persönlich mit Ästen nicht so gut kann. Bzw.: Mittlerweile geht es – und ich sehe durchaus die vorteilhaften Aspekte von Ästen in Bezug auf das *Mentaltraining für das Bogenschießen*. Dieser Beitrag ist bitte nicht als „Raunzerei“ zu verstehen, sondern befasst sich mit der sportlichen Fairness von Ästen und der Sinnhaftigkeit solcher Schüsse in Bezug auf das Training.

Sportliche Fairness von Ästen vor dem Ziel

Ab einer gewissen „Dichte“ oder ab bestimmten Platzierungen der Äste ist keine sportliche Fairness mehr gegeben.
Warum?
Nehmen wir als ersten Fall, dass durch derart dichtes Astwerk hindurchgeschossen werden muss, dass nur noch ein oder auch mehrere sehr kleine Fenster bleiben, durch welche der Pfeil ohne anschlagen durchkommen kann. Hier ist der erste Aspekt der, dass der Pfeil im Flug nicht kerzengerade bleibt, sondern hin und her schwingt – wie stark und wie lange hängt vom jeweiligen Setup des Schützen ab. Weiter sind Schützen unterschiedlich groß. Für den einen kann sich eine Lücke wunderbar ausgehen, für den anderen nicht mehr. Kann beispielsweise ein Schütze im Stehen schießen während sich der andere hinknien muss, ist die sportliche Fairness schon nicht mehr wirklich gegeben.
Kommt es bei einem solchen Durchschuss nun dazu, dass der Pfeil bei einem Ast streift, wird ein leichterer Pfeil in Summe immer mehr abgelenkt werden als ein schwerer Pfeil. Es ergibt sich also ein Vorteil für Schützen mit eher schwerem Pfeilsetup.
Steht nur ein einzelner Ast vor dem Ziel, an dem knapp vorbeigeschossen werden muss, um ins Herz zu kommen, existiert dieselbe Problematik wie oben.
In Summe ist es auch immer vom Zufall abhängig, in welche Richtung und wie stark ein Pfeil nach einem Streifschuss abweicht. Der eine Schütze mag Glück haben und der Pfeil landet noch auf dem Tier, während er beim anderen das Ziel verfehlt – obwohl beide denselben Ast auf derselben Seite gestreift haben. Auf ein und demselben Leistungsniveau entscheidet also umso mehr das Glück anstatt das Können, umso mehr solcher Astschüsse es gibt.
Dieser Aspekt der sportlichen Fairness ist egal, solange einfach nur so geschossen wird. Er wird jedoch relevant, sobald sich Schützen im Rahmen von Bewerben miteinander vergleichen.

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Trainings-technische Überlegungen zu „extreme Äste“

Trainingstechnisch kann die Anlage solcher Schüsse vor allem aus Mentaltrainings-Sicht für erfahrene Schützen sinnvoll sein. Sie sind ein gutes Übungsfeld dafür, sich auch bei störenden äußeren Einflüssen auf die für das Bogenschießen relevanten Aspekte zu fokussieren und einen konstruktiven Umgang mit Frustration und Ärger zu entwickeln.
Für das „Präzisionstraining“ eignen sich Äste vor dem Ziel aufgrund der oben angesprochenen Zufallsthematik nur bedingt, bzw. bis zu einer gewissen Ausprägung.
Anfänger sollten für ein konstruktives und konzentriertes Training extreme Astschüsse mehrheitlich meiden. Sie können häufig noch nicht ausreichend unterscheiden, was tatsächlich vom Schussablauf oder vom „Ast-Zufall“ herrührt. Des Weiteren führt diese Art der Schüsse oft auch dazu, dass sie mehr Zeit mit der Pfeilsuche verbringen oder sich mit verlorenen/kaputten Pfeilen abfinden müssen, was wiederum ein konzentriertes Training erschwert.  (Anfänger, die konstruktiv trainieren wollen, sollten prinzipiell mehrheitlich vom nahen Pflock ohne Hindernisse schießen und ihre Schießtechnik an sich üben)

Tip für Äste, Zweige etc. in der Schussbahn

Klammert man den Zufallsaspekt aus, mit dem man bei entsprechend engen Ästen einfach leben muss, ergeben sich bei Hindernissen entlang der Flugbahn des Pfeils vor allem die folgenden Schwierigkeiten:

  • Unbewusste Ausweichbewegungen
  • Tendenz zur Mitte
  • Behinderte/veränderte Hand-Auge Koordination

Wir neigen auch im Alltag dazu, an Hindernissen nicht allzu knapp vorbeizugehen, sondern einen gewissen Sicherheitsabstand zu lassen und beim Durchgehen zwischen zwei Objekten, zwischen denen wir gerade mal so durchpassen, die Mitte zu nehmen. Dieses Prinzip nehmen wir auch ganz unwillkürlich zum Bogenschießen auf den Parcours mit.
Weiter orientiert sich unsere Intuition stark an unserer optischen Wahrnehmung, wobei unser Blick im Normalfall auf den zu treffenden Punkt fokussiert ist. Äste und Zweige können den Fokus auf den Punkt enorm erschweren und verändern das Gesamtbild im Vergleich zu unverstellten Zielen enorm.
Ein sehr simpler ab enorm wirkungsvoller Lösungsansatz kann hier darin bestehen, den Fokus auf das Ziel selbst aufzugeben und stattdessen auf einen Ersatzpunkt zu fokussieren. Bei einem einzelnen Ast oder Stämmchen welchen relativ nahe vor dem Ziel steht und das Herz seitlich begrenzt, bietet es sich beispielsweise oft an, statt auf das Herz auf die Kontrastlinie zwischen Ast und Herz, oder überhaupt gleich ganz auf den Ast zu fokussieren und auch zu schießen. Selbiges gilt sinngemäß bei Zweigen die ein“Fenster“ bilden, dass aber nicht durch die Mitte, sondern nahe am „Rahmen“ vorbeigeschossen werden muss.
In Summe laufen Astschüsse und deren erfolgreiche Bewältigung immer auf das Kennenlernen der eigenen Wahrnehmung, deren Einfluss auf den persönlichen Schuss und das Erlernen eines konstruktiven, individuellen Umgangs damit hinaus.

In diesem Sinne, alle ins Blatt, neben den Ast!

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