Was ist beim intuitiven Bogenschießen eigentlich intuitiv?

Wenn jemand intuitiv Bogen schießt, darf er dann auch zielen? Darf er überhaupt irgend etwas am Schuss kontrollieren? Und wenn ja – was genau darf der Schütze bewusst tun und was sollte seine Intuition übernehmen?
Es gibt wenige Dinge beim Bogenschießen, die mit mehr Unklarheiten und Pauschalurteilen verknüpft sind als der Begriff „intuitiv“. Die Tatsache, dass Intuition aus dem Unbewussten heraus entsteht, sie nicht erzwungen werden kann, sowie auch die unglückliche Vermengung der Begriffe intuitiv und instinktiv, machen die Sache nicht einfacher. Der Versuch, dass intuitive Bogenschießen auf Pauschalaussagen herunterzubrechen wie: „Eine intuitiver Schütze zielt nicht, sondern schießt einfach“, oder auch – man beachte den Widerspruch – : „Das einzig intuitive dabei ist der Zielvorgang“, machen das Thema nicht einfacher.
Im Folgenden also der Versuch, das Ganze ein wenig aufzudröseln.

„Intuitiv“ bezieht sich alleine auf den Zielvorgang

Es ist dies die gängige Definition wie man sie in verschiedenen Büchern zum Thema Bogenschießen findet. Gemeint ist damit, dass der Schütze seinen Bewegungsablauf wie gewohnt durchführt, sich selbst kontrolliert, bezüglich des Zielvorganges aber dann intuitiv vorgeht. Soll heißen: Der Schütze hat im Vorfeld die Entfernung weder gemessen noch geschätzt und wendet keine darauf basierende, systematische Zieltechnik wie Stringwalking und Facewalking an und rechnet auch keinen Punkt aus, der aufgrund der Distanz deckungsgleich mit seiner Pfeilspitze sein muss, damit der Pfeil hernach im Ziel landet. Der Zielvorgang an sich beschränkt sich darauf, dass der Schütze löst, wenn er in jener Position ist, bei der er intuitiv das Gefühl hat „es passt“.
Die Aufmerksamkeit des Schützen sowie auch sein visueller Fokus (die Stelle auf die der Blick scharf gestellt wird), verengen sich dabei auf den zu treffenden Punkt.
Diese Definition vom intuitiven Bogenschießen beschreibt am genauesten, was beim intuitiven Bogenschießen passiert und kann daher wohl als die stimmigste betrachtet werden. Dennoch muss die Sache differenzierter betrachtet werden um das „intuitiv“ beim Bogenschießen und alles was damit zusammenhängt, wirklich zu verstehen.

Intuitiv heißt nicht zielen

Diese Aussage ergibt sich, wenn nur bewusstes Zielen aufgrund einer mit dem logischen Verstand getätigten Schlussfolgerung als zielen definiert wird. Also wenn aufgrund einer gemessenen, geschätzten oder bekannten Distanz, Face- oder Stringwalking angewandt wird, ein Visier verwendet wird, ein Punkt für die Pfeilspitze oder eine sonstige Pseudo-Visierung festgelegt wird.
Ist zielen also als bewusster Vorgang definiert, ist die Aussage, dass intuitive Schützen nicht zielen, richtig. Diese Definitionsfrage ist mit ein Hauptgrund für die vielen Diskussionen darum, was nun intuitiv und nicht intuitiv ist.
Anstatt in zielen oder nicht zielen in bewusstes/systematisches und unbewusstes/intuitives Zielen zu unterscheiden, wäre womöglich die bessere Variante. Allerdings lassen sich, wie du weiter unten noch sehen wirst, auch diese beiden Dinge nicht immer klar voneinander trennen.

Bewegungsablauf intuitiv vs. kontrolliert ausführen/lernen

Beginnen wir ganz am Anfang…  Kein Mensch beginnt das Bogenschießen völlig intuitiv.  Die ersten Versuche mit Pfeil und Bogen sind immer eine Nachahmung dessen, was der Schütze irgendwo anders – bei seinem Lehrer, anderen Schützen, Videos, Bücher etc. – gesehen hat. Diese Nachahmung ist anfangs immer vom diskursiven Verstand begleitet: „Aha, ich muss den Bogen so halten und  in die Sehne greifen. Jetzt ziehe ich nach hinten usw.“ Erst nach einer gewissen Zeit automatisiert sich dieser Bewegungsablauf derart, dass der Schütze nicht mehr darüber nachdenken muss. Hier ist aber auch festzuhalten, dass es sich dann um einen im Muskelgedächtnis gespeicherten, automatisierten Bewegungsablauf handelt. Die Bezeichnung „intuitiver Bewegungsablauf“ ist nur so weit zutreffend, als das die Intuition eine bestimmte Auswahl oder Abfolge im Motorcortex gespeicherter Bewegungsabläufe verursachen kann.

Kann der Bewegungsablauf intuitiv verbessert und perfektioniert werden?

Prinzipiell ja. Jeder Schütze kommt im Laufe der Zeit auch zu intuitiven Einsichten im Sinne von: „Ah, wenn ich es so mache, geschieht das, daraufhin ändert sich das… „.
Zugleich benötigt Intuition aber immer auch Erfahrung als Grundlage. Ist davon zu wenig vorhanden, kann es sein das wichtige „Bausteine“ für eine intuitive Erkenntnis fehlen. Feedback durch andere Schützen, Videoaufnahmen und Trainer erweitern den Erfahrungsschatz des Schützen. Ebenso wichtig ist jedoch auch die Freude am Ausprobieren und das immer wiederkehrende Durchbrechen der Routine, beispielsweise durch Bogenschießspiele und alternative Körperhaltungen. Es zeigt sich, dass Schützen die Freude am Experiment und zugleich aber auch die Disziplin für regelmäßiges Training eines strukturierten Bewegungsablaufes haben, in aller Regel wesentlich schneller eine saubere Schusstechnik und eine höhere, intuitive Zielsicherheit entwickeln, als Schützen, die entweder nur stur nach „Standardschuss Schema F“ lernen, oder die umgekehrt jede Strukturiertheit im Schussablauf als nicht-intuitiv ablehnen.
Der Lernweg ist – wie so vieles beim Bogenschießen – ein Weg der Mitte.

Empfehlung:*

Intuitiv – bis der Verstand eingreift

Sehen wir nun wieder einem Schützen zu, der gerade erst das intuitive Bogenschießen erlernt. Er hält Bogen und Pfeil in Richtung der Zielscheibe, richtet sich mit dem ganzen Zeug auf gut Glück (nicht intuitiv!) aus und lässt den Pfeil von der Sehne. Die ersten paar dutzend Schüsse ist das ohnehin ein reines Glücksspiel, da der Schütze nicht unterscheiden kann, ob seine Streuung an Fehlern im Bewegungsablauf liegt, oder ob seine Gesamtausrichtung zum Ziel nicht gepasst hat. Spätestens dann, wenn der Schussablauf des Schützen aber sicher genug geworden ist, um zumindest auf kurze Distanz von – sagen wir mal – sieben Metern, zumindest im Essteller-Radius zu gruppieren, bemerkt er natürlich, dass seine Gruppen zu hoch, tief, seitlich usw. sitzen. Selbstverständlich schlussfolgert er, dass er beim nächsten Schuss entsprechend anders anhalten muss und selbstverständlich orientiert er sich dabei in irgend einer Weise über die sichtbaren Teile von Pfeil und Bogen die er ja – auch wenn ihm richtigerweise beigebracht wurde nur auf das Ziel zu fokussieren – dennoch immer unscharf im Blickfeld hat.
Nach einer gewissen Anzahl an Versuchen benötigt der Schütze diese Schlussfolgerung nicht mehr. Er spürt intuitiv (nicht instinktiv) wenn er in der richtigen Position ist.
Da unser Schütze nun aber ehrgeizig ist, erweitert er im Laufe der Zeit die Distanzen und besucht schließlich natürlich auch 3D Parcours, wo er nun (intuitiv?) auf völlig unbekannte Distanzen und bergauf und bergab schießen muss. Auch hier wird sich der Verstand des Schützen immer wieder mal einschalten und ihn nach einem Fehlschuss veranlassen, Pfeil und Bogen willkürlich anstatt intuitiv auszurichten.

Wenn der Verstand der Intuition Schuss im Weg steht

Während es außer Frage steht, dass der Einsatz des diskursive Verstandes in der Anfangszeit die Grundlage schafft, um schließlich intuitiv Bogenschießen zu können, kann er für den erfahreneren intuitiven Bogenschützen ein Hindernis, ja gar ein regelrechter Störenfried sein.  Dies ist häufig dann der Fall, wenn der Schütze intuitiv daneben geschossen hat. Beim zweiten Schuss kann es dem Schützen dann schwerfallen, die Kontrolle abzugeben und nicht zu versuchen den nächsten Schuss mit dem Verstand kontrollieren zu wollen. Insbesondere auch dann, wenn der Schütze keinen Fehler im Bewegungsablauf bemerken konnte, der Schuss aber dennoch deutlich zu hoch oder zu tief ging, setzt gerne mal der Zweifel an den intuitiven Fähigkeiten ein. Da weder die Intuition willentlich hervorgerufen, noch der Flow-Zustand für das Bogenschießen erzwungen werden kann, spielt gerade auch für den intuitiven Bogenschützen ein gutes, mentales Setup eine wichtige Rolle.*

Nicht nur der intuitive Schütze schießt intuitiv

Auch für Visier- und Systemschützen spielt die Intuition eine wichtige Rolle. Auch hier spürt der Schütze, wenn er „wirklich am Punkt ist“ – gerade auch dann, wenn auf unbekannte Distanzen, die zuvor geschätzt worden sind, geschossen werden muss, spielt das intuitive Erfassen der Gegebenheiten eine wesentliche Rolle. Es ist auch ein Mythos, das Visier-Schützen nicht intuitiv schießen könnten und umgekehrt. Es gibt eine durchaus beachtliche Anzahl an Schützen die beide Schießarten praktizieren und beherrschen, wenngleich – alleine schon aus zeit-technischen Gründen – einem davon meist der Vorzug gegeben und es deshalb besser beherrscht wird.

Empfehlung:*

Intuitiv Entfernungen wahrnehmen vs. bewusst schätzen

Wer intuitiv schießt, schätzt im Vorfeld keine Entfernungen. Zumindest nicht bewusst. Trotzdem beinhalten meine Kurse zum intuitiven 3D Bogenschießen sowie auch mein Youtube Kanal das Thema Entfernungen schätzen. Das stößt mitunter auf Widerstand. Nach obigem sollte jedoch klar sein, dass die bewusste Beschäftigung mit Entfernungen nichts anderes darstellt, als das Sammeln von Erfahrungen mithilfe des diskursiven Verstandes, auf welche die Intuition letztendlich zurückgreifen kann. Wer Entfernungen schätzt, beschäftigt sich auch automatisch mit den Gegebenheiten und nimmt diese intensiver auf, als jemand der dies nicht tut. Gerade auch die in meinen Kursen vermittelte Methode, dient vor allem dem besseren und rascheren Erkennen landschaftlicher Gegebenheiten und daraus resultierender Täuschungen, und eben nicht dem metergenauen Schätzen.
Kein erfahrener, intuitiver Bogenschütze kann von sich behaupten, nicht schon einmal eindeutig zu hoch oder zu tief geschossen zu haben, obwohl sein Bewegungsablauf absolut sauber und aufgrund seiner Erfahrung sicher anzunehmen war, dass die Höhe eigentlich perfekt stimmen müsste. Die Erklärung hierfür ist, dass der intuitive Schuss auf Basis einer getäuschten (optischen) Wahrnehmung abgelaufen ist. Anders gesagt: Die Intuition war für die wahrgenommenen Gegebenheit absolut richtig aber für die Realität komplett falsch.
Selbstverständlich entwickeln intuitive Schützen auch so irgendwann ein recht sicheres Gespür für die Gegebenheiten und Fehler wie obige werden seltener. Wer jedoch bewusst – vor allem in der Anfangszeit, sowie danach immer wieder mal – das Schätzen von Entfernungen übt – nicht als Dauerleistung vor jedem Schuss, sondern in dosierten Übungseinheiten – kann diesen Prozess dadurch immens beschleunigen. (Und lernt dabei im Nebeneffekt auch ganz allgemein mehr über seine individuelle Art der Wahrnehmung)

Intuition trainieren…

Es ist eine häufige Frage, ob sich die Fähigkeit „intuitiv zu sein“ trainieren oder fördern lässt. Die Antwort ist ja. Dafür ist jedoch zu beachten, dass die Eigenart der Intuition darin besteht, vom bewussten Einsatz des Verstandes und des Willens unbeeinflusst zu sein. Unser Intellekt ist während eines intuitiven Vorganges nicht zwangsläufig abgeschaltet – Vielmehr befindet er sich in einer Beobachterrolle. Bezogen auf das Bogenschießen bedeutet dies, das wir sehr wohl wahrnehmen, was wir tun. Wir beobachten wie unser Bogen in die richtige Position kommt, bzw. führen sogar den intuitiven Impuls, ihn in eine bestimmte Position zu bringen, bewusst aus. Was währenddessen jedoch nicht stattfindet, ist eine Beurteilung der Handlung durch den Verstand. Wir überlegen (rechnen!) nicht ob das, was wir intuitiv tun stimmt. Wir tun es einfach. Erst danach setzt der diskursive Verstand ein und überprüft, bewertet, analysiert das Ergebnis.
Setzt der Verstand bereits vor dem Lösen ein, bewertet beispielsweise „zu tief“ und korrigiert der Schütze danach bewusst nach oben, hat er während des Schussvorganges vom intuitiven zum systematischen Schuss gewechselt. Auch die umgekehrte Reihenfolge ist natürlich möglich. Erst nach dem Lösen erfährt der Schütze, ob seine Intuition oder sein Verstand richtig lagen. Solche Dinge erkennen zu können ist Teil des Entwicklungsweges eines intuitiven Bogenschützen.
Wenn man intuitiv sein fördern möchte, tut man dies, indem man die Zuschauerrolle des Verstandes fördert. Meditation ist ein sehr probates Mittel dafür. Nichtstun, Luftschlösser bauen, Spaziergänge ohne Ziel unternehmen, Kreativ-Übungen wie man sie in allen Kunstrichtungen findet, freies Tanzen, einfach in sich hineinhören und spüren üben – alles, was in diese Richtung geht, fördert die Fähigkeit intuitiv zu handeln oder intuitiv Erkenntnisse zu gewinnen.
Bezüglich des intuitiven Bogenschießens an sich kann man sich nach diesem Satz richten:

Alles ist besser, als beim Bogenschießen über das Bogenschießen nachzudenken.

Anders gesagt: Wer intuitiv Bogen schießt, muss dabei nicht unbedingt im „Alles ist eins“ Zustand tiefster meditativer Versenkung sein. Er muss seine Aufmerksamkeit auch nicht zu hundert Prozent auf den kleinen Punkt im Ziel fokussiert haben. Wenngleich beides durchaus super ist, klappt intuitiv Bogenschießen mitunter auch schon erstaunlich gut, wenn man währenddessen über seine Steuerklärung nachdenkt. Oder über die Liebe. Hauptsache der Verstand ist mit etwas anderem beschäftigt… 😉

Saugut

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Intuitiv ist zum Schluss einfach

Nun habe ich (intuitiv?) doch einen wesentlich längeren Blogbeitrag geschrieben als ich eigentlich geplant hatte. Wie Du siehst, lässt sich das Thema nicht auf eine einfache Pauschalaussage in ein paar Sätzen herunterbrechen. Intuition spielt bei allen Bogenschützen eine wichtige Rolle. Sie kann nur ohne Einmischung des diskursiven Verstandes stattfinden, benötigt den Intellekt jedoch zur Schaffung von Grundlagen und Überprüfung von Ergebnissen…
Ein bisschen mehr zum Begriff Intuition findest Du auch noch in diesem Beitrag. Hier erfährst Du, warum der Begriff instinktiv Bogenschießen verwendet wird.
Zum Schluss mache ich doch noch den Deckel mit einer intuitiven Pauschalaussage darauf:

„Intuitiv Bogenschießen ist einfach Bogenschießen – aber was ist schon einfach?“

Alle ins Gold, alle ins Blatt!

Folge dem Elefanten: *

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